Antworten für Interview „neue Woche“ mit Gudrun Schönhofer-Hofmann

Ist Glück genetisch bedingt? Die Macht der Familie erkennen & nutzen

 

Sie schreiben in „Die geheime Macht des Clans“, dass man sich Glück auch erlauben muss. Was meinen Sie damit? (Können Sie dazu ein Beispiel nennen?)

Als Mensch tragen wir alte Überzeugungen, Urteile und Bewertungen unseres Umfelds in uns, vor allem die der eigenen Familie. Realisieren wir diese vererbten Muster nicht, tragen wir sie oftmals ein Leben lang mit uns. Hat beispielsweise die eigene Mutter zeitweise mit starken Depressionen zu kämpfen gehabt, kann sich diese Krankheit auf die Kinder übertragen. Stehen die Kinder im späteren Leben selbst vor scheinbar unlösbaren Lebenskonflikten, zum Beispiel ein Jobverlust mit Existenzängsten, kann sich in den Augen der Tochter die vorgelebte depressive Krankheit der Mutter als optimale Fluchtlösung erweisen. Die Mutter musste sich dank ihrer depressiven Verstimmungen nicht eigenverantwortlich um die Lösung ihrer Probleme kümmern, da die Krankheit ihr einen vermeintlichen „Schutzwall“ gab. Die sogenannte systemische Solidarität zwischen den Familienmitgliedern ist unterbewusst und unterschwellig. Hier muss man viel Bewusstsein walten lassen, um die Freiheit zu wählen, eine eigene Entscheidung zu treffen, um sich Abweichungen der Familiennorm zu erlauben. Die Korrektur der Sichtweise erfordert das Erkennen der früheren Ursachen, also im Beispiel ein Verständnis für die Motive der Mutter. Hierfür ist es sinnvoll, sich die Biografien sowie die Art und Weise der Alltagsbewältigung der Eltern, gar der Großeltern, genauer anzuschauen. Nur so können wir übertragene „Wurzeln“ erkennen, eliminieren und durch eine selbst geschaffene Wahrheit ersetzen. Das bedeutet Freiheit in der Urteilsbildung, da wir selbst der Schaffer unserer Wertungen sein können. Nur dann sind wir wirklich frei für Liebe, Glück und Leichtigkeit im Leben.

Glückliche Eltern geben Glück weiter – wie funktioniert das?

Glück ist übertragbar, ebenso wie Unmut. Alle Gemütszustände haben spezifische Schwingungsfelder, eine Art Resonanzfeld. Familien gewöhnen sich an ihr Schwingungsfeld und empfundenes Grundrauschen. Glückliche Eltern strahlen nicht nur ihr Glück und ihre Dankbarkeit aus, sie nähren ihre Kinder auch durch eine vorgelebte innere Balance und Zufriedenheit. Kinder lernen sehr stark durch Beobachtung und erkennen anhand der Eltern, wie Glück definiert, gelebt und gepflegt wird. War das eigene Heim ein Ort der offenen Tür, empfingen die Eltern regelmäßig enge Freunde und Vertraute und wurden die Verbindungen vor den Kindern gelebt, erhalten diese einen wichtigen Kompass für ein soziales Leben. Wenn „richtig“ für das Kind dann glücklich sein bedeutet, dann folgen sie dieser Energie und sind stets bestrebt, diese Energie als Ergebnis zu erzielen.

„Du darfst es nicht einfacher haben“ – Wie geht man mit Neid in der Familie um?

Neid ist immer ein Faktor von Unfreiheit. Menschen, die Neid gegenüber anderen Menschen empfinden, entdecken sehr oft Teile und Handlungsweisen in ihnen, die sie sich selbst verwehren. Dies geschieht bei Familien vor allem aus dem Wunsch der Solidarität heraus. Dieser ist begründet in dem menschlichen Anliegen der Zugehörigkeit und Sicherheit. Die Familie bedeutet immer Herkunft und Heimat mit all seinen Wertesystemen, Rollenverständnissen und vieles mehr. Entfernen wir uns von diesem vereinten Glaubenssatz, können Ablehnung und Neid durch die anderen Familienmitglieder entstehen. Haben die Eltern finanzielle und existenzielle Nöte in ihrem Leben gehabt und in der Regel ein „einfaches“ Leben ohne viel Luxus geführt, kann der erfolgreiche Sohn mit teuren Immobilien und Luxuskarosse für Neid, statt Anerkennung, sorgen. Die Familie fühlt sich vom Sohn an die eigene Not erinnert und erlebt die neue Lebensführung als eine Art Verrat, die mitunter durch Neid und Eifersucht geltend gemacht wird. Hier muss der Sohn das Bewusstsein pflegen, dass es sein Leben und sein Verdienst ist, sich ein anderes Leben geschaffen zu haben. Eines, wo vielleicht Besitz eine wichtige Rolle spielt, in der Ursprungsfamilie jedoch keinen Wert bedeutet. Diese Diskrepanz muss ausgehalten werden.

Welche Rolle spielen Glaubenssätze bei Ihrem Coaching?

Glaubenssätze spielen eine grundlegende Rolle bei der Beseitigung alter Muster. Unsere Unfreiheit, also die bewusste wie unbewusste Beeinflussung der Familie in unser Handeln, entsteht durch alte Glaubenssätze. Diese sind verstaubt und für uns nicht mehr gültig, dennoch halten wir sie am Leben. Durch alte Glaubenssätze beispielsweise der Eltern, die meinten, eine Ehe muss unter allen Umständen „ausgehalten“ werden, können wir unser Liebesglück ein Leben lang blockieren, in dem wir an einer ungesunden Beziehung ebenfalls festhalten, als uns freizuschwimmen. Es ist wichtig, diese Glaubenskonzepte neu zu überdenken („Wie definiere ich eine glückliche Ehe? Ist eine Scheidung wirklich das Endes von allem?“) und folglich diese dann zu löschen, um Platz und Raum für neue Glaubenssätze, die eigenen Glaubenssätze, zu schaffen  (z.B. „Ich bin mir selbst genug wert, um eine liebevolle Partnerschaft zu führen, anderenfalls bin ich allein besser dran.“). Diesem Vorgang geht der eigene Wille voran, nur wenn man wirklich neu denken will, wird die Absicht funktionieren.

 

Kann Glück auch ‚ansteckend‘ sein, z. B. durch den Partner?

 

Absolut. Durch unser Resonanzfeld nehmen wir automatisch mit den Stimmungen unseres Gegenübers Kontakt auf. Ebenso ist ein zynischer Quälgeist ansteckend, da es schwer ist, in seiner Gegenwart langfristig seinen Optimismus zu pflegen. Es wird ganz einfach mühsam und letztlich verfliegt der Optimismus allein durch die Last des Zynikers („Immer muss er jammern. Seine Gegenwart ist keine Freude, ich bekomme schlechte Laune.“). Daher ist ein glücklicher Partner immer ein Indiz dafür, dass man selbst das Potenzial von Optimismus in sich trägt. Man erkennt durch den anderen, wie es gelingen kann, die positiven Seiten des Lebens zu erkennen, durch Beobachtung und die gegenseitige Kommunikation („Ich bin mir sicher, dass du das schaffen wirst. Glaub an dich, wie ich an dich glaube!“)

 

 

Wann lähmt die Solidarität zur Familie?

 

Die Solidarität der Familie wird dann gehemmt, wenn die eigene Unabhängigkeit erreicht wird, koste es, was es wolle. Erst dann ist man nicht mehr von der Meinung der anderen Familienmitglieder abhängig und fügt sich automatisch dem altbekannten Muster. Hat die Tochter große Eheprobleme mit ihrem Mann und erwägt die Scheidung, kann sich das Schicksal der Mutter als fataler Leitfaden alter Glaubenssätze erweisen. Hatte die Mutter eine schwere Scheidung durchlitten und musste die Kinder allein großziehen, kreierte diese insgeheim die Überzeugung „Männer sind schlecht. Auf Männer kannst du dich nicht verlassen.“ Diese Überzeugungen hat die Tochter als Nährboden mitaufgenommen, und weigert sich nun, um ihre Ehe zu kämpfen und die Ursachen zu erkennen. Ihre Ehekrise erweist sich somit als ähnliches Schicksal wie das der Mutter, die Tochter zeigt sich mittels des eigenen Dramas solidarisch mit der Mutter. Sie erlaubt es sich in diesem Falle nicht, es leichter zu haben als die Mutter.

 

 

 

Über das Buch:

Die geheime Macht des Clans: Verstrickungen lösen, Ressourcen erschließen, erfüllt leben

Verlag Books on Demand, Norderstedt
Taschenbuch, 120 Seiten, € 19,00 (D)
Softcover ISBN 978-3-7392-1995-0

E-Book ISBN 978-3-7380-5453-8, € 7,49

Mehr zum Buch und Autor unter www.rootfinder.eu.

 

 

Über die Autorin:

Die Speakerin und Coaching-Expertin Gudrun Schönhofer-Hofmann (47) wendet seit 2004 die Methoden aus dem Bereich des systemischen Coachings in eigener Beratungspraxis in der Nähe von Bonn an. Die professionelle Basis legen langjährige Studien sowie Ausbildungen in den Bereichen Familien-, System, Organisations-, Systembrett- und systemische Strukturaufstellungen. Weitere Schwerpunkte sind das Coaching mit Pferden sowie Kompetenzen in Homöopathie, Psychologie, Naturheilkunde und Akupunktur für Tiere. Gudrun Schönhofer-Hofmann verfügt über Erfahrungen aus mehr als 3.500 Coachings (Stand: 2015). Schönhofer-Hofmann ist Mutter zweier erwachsener Kinder und leitet ihr eigenes 25 Hektar großes Pferdegestüt, den „Paulinenhof“.  Mehr dazu unter www.paulinenhof.eu.