Gastartikel für PRAXIS KOMMUNIKATION

Von Gudrun Schönhofer-Hofmann

 

Führen heißt nicht dominieren

Wie das Erlebnis eines pferdegestützten Coachings männliche Führungskräfte nachhaltig verändert

 

 

Man darf sich zu Recht wundern. Ob in der Politik, im Paartanz oder der zwischenmenschlichen Arbeit in meinen Coachings: Seit Jahren spukt die Annahme, dass Führung Dominanz bedeutet. „Wer führt, der dominiert“ lautet das verbreitete Urteil vieler meiner Klienten. Daher war es mir ein Anliegen, ein Konzept für ein spezielles Führungskräftetraining zu erarbeiten, welches die vorrangig männlich besetzte Chefetage einmal aus der Komfortzone herausbewegt und ihnen eine neue Überzeugung durch direkten Praxisbezug vermittelt. Der Einsatz von Klarheit und Sicherheit soll den Managern vermittelt werden, um ihre Mitarbeiter wirklich zu bewegen. Dominanz und Kontrolle sind kurzlebig und selten effektiv, da die Mitarbeiter die Unsicherheit der Führungskraft spüren und entsprechend nicht ernst nehmen können. Das Training basiert auf den praktischen Übungen am Pferd, welche die theoretischen Erörterungen belegen und das Seminar zu einem fühl- und sichtbaren Erfolgserlebnis machen. Denn nur wer den anderen bewegt, in diesem Falle das Pferd, der führt wirklich, lautet das Credo meiner Tagesseminare. Der Weg dahin ist für die Teilnehmer mitunter herausfordernd, immerhin ist das Pferd ein non-verbaler Partner des Geschehens. „Geht das gut?“, fragen die Teilnehmer beim Anblick des tierischen Mitspielers.

Verortung Gestüt: Der Manager und die Unbestechlichkeit des Pferdes

Nachdem ich viele Jahre mit mehr als dreitausend absolvierten Coachings in eigener Beratungsagentur verbracht hatte, wollte ich mehr. Ein Mehr an gemeinsamer Arbeit mit Pferden, die ich dank eigener Pferdezucht als meine treuen Weggefährten bezeichnen kann. Man darf also sagen, dass die Leidenschaft zu Pferden die Idee zum pferdegestützten Coachings entstehen ließ. Als ich vor zwei Jahren mit der Arbeit am Pferd für Führungskräfte begann, war das Ziel, die Führungselite im Kern seiner Führungskompetenz zu erreichen und sie für die Arbeit am Pferd zu bewegen. Für mich bedeutete die Realisation dieser Fortbildungsmethode eine enorme persönliche Herausforderung, allen voran der Kunst, die Manager aus ihrem Sicherheitsanzug herauszuholen und für ein Pferdegestüt zu begeistern. Nach der anfänglichen Skepsis und Scheu vor den Tieren erhalten die Teilnehmer eine wichtige Erkenntnis: Sobald die Pferde mit der Menschengruppe unmittelbar zusammengeführt werden, beginnen sich die Möglichkeiten von Ausflüchten, Rollenspielen und Dominanzverhalten für die Teilnehmer aufzulösen. Die Manager fühlen ihre Füße in ihren Stiefeln, was sie allein gefühlsmäßig auf den Boden der Tatsachen zurückbringt. Sie spüren, wo der Schuh drückt, wo es in der eigenen Führungsqualität noch schwächelt. Während des Kurses wird nicht viel verbal kommuniziert, es ist zeitweise sehr still. Die Erkenntnisse erhalten die Manager während der Arbeit direkt mit dem Pferd und werden sogar besser angenommen, als wenn die Trainerin selbst Hinweise gibt. Nach ersten Annäherungen zwischen Gruppe und Pferd beginnt die erste Übung. Im ersten Schritt sollen die Kursteilnehmer das Pferd mittels Halfter und Strick durch einen Parcours geleiten. So berichtet Oliver Wenzel, Regionalleiter der Volksbank Remscheid-Solingen eG, dass seine Führungsqualität nach der Mentalität seiner Mitarbeiter differiert. Diesen Gedankenprozess bringen die Pferde mit ihrer Unbestechlichkeit und der eigenen Persönlichkeit ins Rollen. Manchmal muss ich gar schmunzeln, wenn gestandene Geschäftsführer der Annahme sind, die Persönlichkeit eines Pferdes könne sich mit einem Stück Zucker beeinflussen. Als Wolfgang, Mitte 50 und selbstständiger Handwerker, an der Reihe ist, soll sein Pferd durch den Parcours der Reithalle selbstständig führen. Doch das Pferd rührt sich keinen Millimeter. Es steht stramm und fest, obwohl der Teilnehmer ihn mehrmals bittet, ihm zu folgen. In solchen Situationen lenke ich kurz ein und frage, ob er seine Mitarbeiter auf die gleiche Art bitten würde, seinen Anweisungen zu folgen. Schnell merken die Teilnehmer, dass das Pferd den eigenen Spiegel vorhält. Die Pferde lassen jeden einzelnen Teilnehmer unmittelbar um ihre Wirkung wissen und erkennen in Bruchteilen von Sekunden, mit wem sie es zu tun haben. Wolfgang denkt um und fokussiert sein Ziel am Ende des Parcours und zieht ohne Zögern los. Das Pferd spürt seinen Willen und folgt ihm. „Sobald ich für mich selbst den Beschluss gefasst habe, dass ich jetzt gehen möchte und ihm das klare Signal gegeben habe, lief es plötzlich“, beschreibt der Handwerker sein Erlebnis.

Sichere Rangordnung und das Verständnis von echtem Vertrauen

Zu Beginn meiner Pferdeseminare mit maximal acht Teilnehmern wird die Funktion von Leitstute, Leithengst und den Sparringspartnern erklärt. Dies stellt die elementare Basis dar, um die Rangordnung und das Führungsverhalten der Tiere zu erkennen und zu verstehen. Wer hierbei denkt, dass zwischen der Anordnung von Tieren und Menschen ein enormer Unterschied liegt, wird das Gegenteil erfahren. Eine besonders intensiv erlebte Übung ist die Abgrenzungsübung. Hierbei markieren Teilnehmer um ihren Stuhl eine Grenze, die durch das Pferd nicht überschritten werden darf. Nun kommt einer meiner treuesten Mitarbeiter zu seiner Aufgabe: Rusty, ein Wallach mit starker Persönlichkeit und in den Manager-Seminaren stets beliebt. Während die Teilnehmer die eigens gezogene Linie um ihren Stuhl überwachen, merkt Rusty genau, bei wem er die Zone übertreten kann. Für die betreffenden Gäste ein prägendes Erlebnis: Es trifft jene Teilnehmer, die sich auch im realen Arbeitsleben in ihrer Position bedroht fühlen, die Säge am eigenen Stuhlbein spüren. Sie sind von dem Verhalten des Pferdes nicht überrascht und oftmals fallen Kommentare wie „Ich mal wieder!“ oder „Mit mir kann man es ja machen!“. Für die anderen Teilnehmer und auch mich als Trainingsleiterin werden hier die unterschiedlichen Grundstimmungen der Menschen deutlich, die sich im Arbeitsalltag manifestiert haben. Nur wenigen gelingt es, ihren Selbstzweifeln direkt den Kampf anzusagen, um die Lage in den Griff zu bekommen. Das Pferd spürt diese Unsicherheit und negativen Überzeugungen und setzt klare Signale entgegen, in dem es Grenzen überschreitet. Letztlich gilt für menschliche Führungskräfte die gleiche Formel wie für die Vierbeiner: Herden beider Art sind gesichert, wenn die Führungsebene ihre Aufgaben stabil, sicher und verlässlich übernimmt. Dort, wo Kontrolle und Dominanz als Führungsmittel herrscht, kann kein Vertrauen wachsen.

Harte Schale, weicher Kern: „ Die Warmherzigkeit der Tiere gibt Sicherheit“

In den ganztägigen Seminaren ergründen die Gäste, wie sie ein Pferd durch Ausstrahlung, Wirkung und Absicht bewegen können. Das Pferd hält den Teilnehmern durch seine unbestechliche Art einen Spiegel vor, so dass die eigene Wirkung und Grundhaltung sichtbar wird. Ist das Pferd kooperationsbereit und gelingt es dem Teilnehmer, das Pferd zu führen, ist dies ein klares Indiz dafür, dass die Grundhaltung und Führungsqualität stimmt. Pferde arbeiten wertefrei und begegnen den Menschen ohne Vorurteile, sie befinden sich vollständig im Hier und Jetzt. Das überträgt sich berührend auf die Führungskräfte. Raiffaisen-Vorstand Karl-Josef Schmitz aus Sankt Augustin beeindruckt vor allem die Warmherzigkeit der Tiere: „Das hat mir auch Sicherheit gegeben. Ich kann nur empfehlen, auch mal dem eigenen Eindruck dahingehend nachzugehen.“ Die Manager erfahren über sich, welche Position für sie komfortabel und ihrem natürlichen Führungsprofil entspricht. Viele Teilnehmer berichten, dass sie fürchten, ihre Mitarbeiter mit klaren Anweisungen vor den Kopf zu stoßen. Im Seminar lernen sie, dass es für eine Führungskraft wichtig ist, Sicherheit auszustrahlen. Teams fügen sich gern, wenn sie Klarheit und Sicherheit spüren. Das Thema Abgrenzung wird im Kurs konsequent groß geschrieben: Rusty, der freche Wallach des Gestüts, nutzt gern die Chance, um nach Essbarem an der Kleidung der Gruppe zu tasten. Die Teilnehmer werden dazu ermutigt, ihm einen Klapps auf die Nase zu geben, sollte er an den Jacken zu knabbern versuchen. Die Manager merken, dass es richtig ist, Grenzen klar abzustecken und diese auch zu zeigen. Die Angst vor Zurückweisung oder Nichtachtung durch die eigenen Mitarbeiter bremst die Führungskräfte im Alltag aus, die sich wie in einem Teufelskreis stetig wiederholt. Die Manager erkennen, dass unterschiedliche Pferdetypen ebenso unterschiedliche Dosierungen der Signale brauchen und Souveränität statt Herrschaft verlangt wird. „Ich habe gelernt, dass die Mitarbeiter genauso unterschiedlich wie die Tiere reagieren und ich entsprechend anders dosieren muss“, fügt Oliver Wenzel der Volksbank Remscheid-Solingen eG hinzu. Es sei interessant, zu erfahren, wie man selbst als Führungskraft auf die eigene Mitarbeitermannschaft wirkt. Regelmäßig erhalte ich als Seminarleiterin nach einem Trainingstag die Rückmeldung, dass die Teilnehmer von den unterschiedlichen Charakteren der Pferde beeindruckt sind und genau das in ihren Arbeitsalltag übertragen können: das Wissen um unterschiedliche Dosierungen und die Klarheit der eigenen Absicht. Die eigene Komfortzone wird von den Teilnehmern während des Trainings immer wieder verlassen. Nur an Stellen, wo es unbequem oder auch mal schmerzhaft wird, beginnt nach meiner Erfahrung Wachstum und neues Denken. Tiere bringen hierfür das wertvolle Talent ein, harte Kerne zu knacken, den Menschen zu berühren. Besonders auffällig dabei ist, wie viel Bauchgefühl sich während der Übungen bei den Herren einstellt. Viele Manager haben dieses sensible Gefühl verlernt oder lange nicht mehr darauf vertraut. Im Seminar lernen sie, dass es sich lohnt, abseits der Fakten sein Gefühl zu beachten.

Aufgaben der Chefetage: Eigene Absichten souverän erklären und Sicherheit gewähren

Die Manager erfahren in der Arbeit mit Pferden deutlich, dass es zu den eigenen Führungsaufgaben gehört, seine Absichten deutlich zu erklären und dem Team somit Sicherheit zu vermitteln. Der Aufwand und Lernprozess lohnt sich: Am Ende eines Seminartages folgt das Pferd dem Teilnehmer ohne Seil, ohne Hilfsmittel. Es folgt, weil es gerne folgt, weil es darauf vertrauen kann, dass der Mensch eine souveräne Führungskompetenz besitzt. Wir nennen es gewählte Freiwilligkeit.

 

Über die Coaching-Expertin:

Gudrun Schönhofer-Hofmann (48) coacht seit 2004 mit Methoden aus dem Bereich des systemischen Coachings in eigener Beratungspraxis in der Nähe von Bonn. Die professionelle Basis legen langjährige Studien sowie Ausbildungen in den Bereichen Familien-, System, Organisations, Systembrett- und systemische Strukturaufstellungen. Weitere Schwerpunkte sind das Coaching mit Pferden sowie Kompetenzen in Homöopathie, Psychologie, Naturheilkunde und Akupunktur für Tiere. Die ausgebildete Tierpsychologin verfügt über Erfahrungen aus mehr als 3.500 Coachings (Stand: 2015). Aus ihrer langjährigen Arbeit entstand ihr Buch „Die geheime Macht des Clans“, (Books on Demand Verlag) ein Buch, welches eine anschauliche Anleitung gibt, wie Familienmuster und eigene Erkenntnisse die scheinbar absolute Wahrheit ergeben. Schönhofer-Hofmann ist Mutter zweier erwachsener Kinder und leitet ihr eigenes 25 Hektar großes Pferdegestüt bei Bonn, den „Paulinenhof“.  Mehr dazu unter www.paulinenhof.eu.